Neue Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus

Dieses Wochenende am 11./12. Juni werden in Frankfurt 54 neue Stolpersteine für Opfer des Nationalsozialismus feierlich enthüllt. Stolpersteine sind 10 x 10 x 10 cm große Betonquader mit einer auf deren Oberseite verankerten Messingplatte, auf der die Namen und Daten von Menschen eingraviert sind, die während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden, aus Deutschland fliehen mussten oder die Lager überlebten. Sie werden in die Bürgersteige vor den letzten freiwilligen Wohnorten der Opfer eingelassen.

Auch bei uns im Ostend gibt es diesen Samstag, 11.06.2022, um 14:00 Uhr eine feierliche Einweihung in der Uhlandstraße vor der Hausnummer 38. Neben Angehörigen und Nachfahren der Opfer sind auch alle Bürgerinnen und Bürger herzlichst eingeladen an der Enthüllung, die mit Live-Musik begleitet wird, teilzunehmen. Die Stolpersteine sind der Familie Hauser/Abraham gewidmet.

Meier Hauser wurde in Tarnobrozog in Galizien, Rachel Hauser in Rozwadow (Polen) geboren. Rachel hatte mit ihrem ersten verstorbener Ehemann Schmubtai Abraham sechs in Rozwadow geborene Kinder: Leo, Frieda, Selma, Josef, Fanny und Erna.

Meier und Rachel Hauser heirateten am 13. November 1921 und hatten die in Frankfurt geborenen Kinder Ruth, Bertha und Rosel. Die Familie wohnte seit 1921 in Frankfurt, gemeldet zuerst in der Waldschmidtstraße 13, 1925 in der Königswarter Straße 6, 1930 im Sandweg 29 und ab 1932 in der Uhlandstraße 38. Meier Hauser betrieb dort mit dem Reisenden Chaim Lein Hauser vom 31. Dezember 1928 bis zum 31. Dezember 1938 eine Großhandlung für Leder-, Strickund Strumpfwaren. In der Sechs-Zimmer-Wohnung in der Uhlandstraße 38 im Erdgeschoss lebten alle neun Kinder.

Leo Abraham besuchte ab dem 14. Lebensjahr die Thora-Lehranstalt Jeshiwa in Frankfurt, im Wintersemester 1930/31 begann er ein Mathematik- und Medizinstudium an der Frankfurter Universität, das er 1933 aufgrund der antisemitischen Verfolgung in Mailand (Italien) fortsetzte. 1935/36 musste er wegen devisenrechtlicher Bestimmungen nach Frankfurt zurückkehren.

Frieda Fradel Abraham, später verheiratete Walters, studierte 1935/1936 Innenarchitektur in Stuttgart. Sie flüchtete nach Nikosia auf Zypern und lebte 1957 in Johannesburg in Südafrika.

Selma Shulamit Abraham, später verheiratete Garfunkel, flüchtete nach Palästina und lebte in Ibn Gabirol und 1956 in Tel Aviv. Sie arbeitete als Näherin.

Josef Hauser starb 1933 einen Monat vor seinem Abitur.

Erna Hauser starb 1936.

Ruth Hauser besuchte ab 1931 die Samson-Raphael-Hirsch-Schule, Bertha ab 1932 das Philanthropin. Beide wurden deportiert und ermordet.

Fanny Nurith Abraham flüchtete 1936 nach Palästina.

Auch Rosel Hauser konnte nach Palästina flüchten und starb 1949 in Israel.

Die Familie Hauser/Abraham wurde am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polen-Aktion“ aus Frankfurt nach Zbaszyn (Bentschen) ins polnisch-deutsche Grenzgebiet verschleppt, ein Auffanglager für aus Deutschland ausgewiesene Juden polnischer Staatsangehörigkeit. Meier Hauser kehrte zu Beginn des Jahres 1939 kurzfristig nach Frankfurt zurück, um das Warenlager aufzulösen.

Die Stolpersteine wurden vom Hauseigentümer Jürgen Karcher initiiert und von Karl Dudler, Ari Kochmann, Judith Karcher, Andrea, Nils und Nina Loewen, Horst Gesang, Andreas Pauli, Navina Lynn Schneider und Evgeni Kochmann finanziert

Bereits im Mai gab es an verschiedenen Orten in Bornheim und dem Ostend feierliche Einweihungen von Stolpersteinen. wurden an folgenden Stellen

Ostend – Brüder-Grimm-Straße 35
Anni, Auguste Gitel, Hilde und Max Federlein

Auguste Gitel Federlein wurde in Frankfurt am Main geboren. Sie hatte drei Kinder, den 1912 geborenen Sohn Max und die 1918 in München geborenen Zwillinge Hilde und Anni. Sie war Eigentümerin der Liegenschaften Brüder-Grimm-Straße 35 und Bethmannstraße 29, die sie im Mai 1938 verkaufen musste. Außerdem war sie an der Firma „Leon Meyer u. Co. Bijouteriewaren“ in Frankfurt mit 10.000 Reichsmark beteiligt, die „arisiert“ wurde. Auguste Federlein musste eine „Judenvermögensabgabe“ in Höhe von 7.750 Reichsmark und „DegoAbgaben“ (Zwangsabgabe bei Auswanderung) in Höhe von 1.500 Reichsmark zahlen. 1939 kam eine Zahlung von 1.500 Reichsmark für den „Ausfuhr-Förderungsfonds“ hinzu. Ihre gesamte Wohnungseinrichtung musste sie 1938 versteigern, um die Flucht einer Tochter und des Sohnes vorzubereiten. Auguste Federlein war Zeichen- und Handarbeitslehrerin, zuletzt Hausfrau. Nach dem Hausverkauf musste sie ab 1938 in einem möblierten Zimmer in der Gaußstraße 41/I zur Untermiete wohnen, vermutlich zusammen mit Tochter Anni. Zuletzt lebte sie im Krankenhaus der Israelitischen Gemeinde in der Gagernstraße 36.

Max und Hilde Federlein nannten sich in Israel Meir Nozani und Bilha Tenenbaum. Sie waren eigentlich Kaufmann beziehungsweise. Büroangestellte, mussten jedoch als Landwirte leben und wohnten in Beth-Yitzah und Schadmozh-Dvorah. Meir Nozani starb 1995, Bilha Tenenbaum 2002.

Die Stolpersteine wurden initiiert von Rom Elyashiv, dessen Mutter eine Tochter von Max Federlein war; seine Familie lebt in Beit Yitzhak in Israel. Finanziert wurden die Stolpersteine von Sabine Meder, Doris Franzmann und Bettina von Bethmann.

Ostend – Waldschmidtstraße 7 
Albert, Leia Lotte und Sally Klein

Leia Lotte Klein wurde in Sokolow (Polen) als Tochter von Rifka Zanger geboren. Sie war seit 27.05.1919 verheiratet mit Tobias/Todres Klein (21.11.1861- 29.10.1925), mit dem sie zwei Söhne, Albert und Sally, hatte. Sie betrieb in ihrer Privatwohnung in der Waldschmidtstraße 7 eine Pension nebst rituellem Mittagstisch, den sie 1938 verfolgungsbedingt schließen musste. Sie musste dann in die Rechneigrabenstraße 5 umziehen. Leia Lotte Klein hielt sich nach der „Polen-Aktion“ längere Zeit 1939 im Bezirk Krakau auf und wurde von dort deportiert.

Sally (Shlomo) Klein war von 1926 bis 1930 im Israelitischen Waisenhaus im Röderbergweg 57 und dann bis 1934 auf der Samson-Rafael-Hirsch-Realschule. In Palästina lebte er 2 Jahre in Rodgas, schloss sich dann einer Gemeinschaftssiedlung in Aryeh bei Hadera an und siedelte in Sda-Kliyahu, Emek Beth-Shean, an. Er starb am 4.10.1940 im Hospital in Affula.

Albert Klein nannte sich in Palästina Abraham Ben-Ami und lebte in Jerusalem.

Die Stolpersteine wurden vom Mithauseigentümer Neil Robertson initiiert und finanziert.

Bornheim – Bornheimer Landwehr 85
Lotte Wohl

Lotte Wohl wurde in Stettin als Tochter von Margaret und Adolf Wohl geboren. Sie kam wahrscheinlich 1938 nach Frankfurt, um in der Krankenpflege zu arbeiten. Sie zog in das Schwesternhaus des Vereins für jüdische Krankenpflege im Bornheimer Landwehr 85. Ihr Zuzug von Stettin ist am 19.12.1938 und ihr Auszug in die Gagernstraße 36 am 19.11.1940 verzeichnet.

Die jüdische Krankenpflege hatte in Frankfurt einen festen Stand, die Schwestern waren im jüdischen Krankenhaus an der Gagernstrasse 36, im Gumpert’schen Siechenhaus oder in der privaten Pflege tätig. Im Jahr 1933 erreichte die Anzahl der Schwestern mit 47 und die der Schülerinnen mit 13 den Höchststand der Vereinsgeschichte. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten veränderte auch hier das Leben und den Berufsalltag auf gravierende Weise. Die Berufsbezeichnung lautete fortan „Jüdische Krankenschwester“. Die Zahl der zu behandelnden Alten und Kranken stieg, da sie in den anderen Einrichtungen immer weniger behandelt wurden.

Seit 1939 begann die Stadt mit der faktischen Enteignung der Liegenschaften der jüdischen Gemeinde und der Verein wurde 1940 zwangsaufgelöst. Das Schwesternheim wurde von der Gestapo beschlagnahmt und der Uniklinik zur Verfügung gestellt. Die dort lebenden Schwestern mussten in das Krankenhaus in der Gagernstrasse umziehen. Der weitere Verbleib und das Schicksal vieler Bewohnerinnen sind ungeklärt.

Lotte Wohl wurde von Berlin aus deportiert. Aus verschiedenen Beschreibungen dieser Transporte weiß man inzwischen, dass nur wenige Menschen nach der Ankunft zur Arbeit selektiert wurden. Die übrigen wurden direkt in dem Dünen- und Waldgebiet Kalevi-Liiva ermordet. Seit 2004 gibt es hier ein Denkmal für die ermordeten Juden.

Der Stolperstein wurde initiiert von Lesley Urbach, dessen Mutter eine Tante von Lotte Wohl war, und finanziert von Bettina Eichhorn.

Ostend – Uhlandstraße 55        
Lieselotte und Wilhelm Katz

Lieselotte Katz, geb. Servos, wurde in Alt-Oberhausen geboren. Beide Eltern waren jüdisch, ihre Mutter starb 1927, der Vater Karl Servos war Metzger. Lieselotte Katz arbeitete bereits ab 1924 in der väterlichen Metzgerei mit, absolvierte von 1932 bis 1934 eine Schneiderinnenlehre in Mühlheim/Ruhr bei Pauline Lukas, die 1934 flüchtete. Sie war mit ihrem Bruder Otto Servos Eigentümerin der Metzgerei. Otto Servos wurde in Dachau interniert und flüchtete nach Palästina.

Am 26. April 1935 heiratete Lieselotte Servos Wilhelm Katz: Dieser war bei der Firma Fränkel und Co. in Frankfurt, dann bei der Firma Heilmann und Co. in Essen beschäftigt, Nach der Hochzeit zogen sie nach Frankfurt in die Waldschmidtstraße 13. Wilhelm Katz floh nach Palästina. Lieselotte Katz war zu dieser Zeit schwanger, zog nach Berlin und flüchtete von dort über Triest mit dem Schiff „“ nach Palästina, wo sie am 31. Juni 1937 in Haifa ankam. Lieselotte Katz erkrankte an einer Amöbenruhr, durch die sie hochgradig Gewicht verlor. Lieselotte und Wilhelm Katz kamen in Palästina nicht zurecht und ließen sich 1940 oder 1941 in Haifa scheiden. Im August 1941 heiratete Lieselotte Katz den Autobuschauffeur Alexander Giny, mit dem sie eine Tochter hatte.

Lieselotte Katz wohnte nach dem Krieg wieder in Deutschland, 1962 war sie in der Kölner Schlegelstraße 19 bei Servos gemeldet.

Die Stolpersteine wurden von Enkelin Katja Wollersheim/Meerbusch und von Ruth Wollersheim/Zülpich, Tochter von Otto Servos, initiiert, und finanziert von Ellen Holz.

Seit 2003 wurden in Frankfurt bereits über 1.700 Stolpersteine verlegt, insgesamt hat der Erfinder der Stolpersteine, Gunter Demnig, schon mehr als 90.000 Stolpersteine in mehr als 1.200 Städten und Gemeinden in Deutschland und 24 europäischen Ländern verlegt. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Wer mehr über die Stolpersteine bei uns in den Stadtteilen oder in Frankfurt erfahren möchte, der kann gern die Webseite der Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main e.V. besuchen.

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